Chinas Chip-Coup entlarvt Europas strategische Lähmung
- Basar Seven
- 19. Dez. 2025
- 4 Min. Lesezeit
In einem Hochsicherheitslabor in Shenzhen vollzieht sich derzeit, was westliche Experten für unmöglich hielten. Chinesische Wissenschaftler haben einen funktionsfähigen Prototyp einer EUV-Lithographie-Maschine gebaut, jene hochkomplexe Technologie, die bislang ausschließlich der niederländische Konzern ASML beherrscht. Insider sprechen von Chinas „Manhattan-Projekt” für die Halbleiterproduktion. Die Fertigstellung erfolgte Anfang 2025, die Chipproduktion soll 2028 beginnen. Was auf den ersten Blick wie ein technologischer Durchbruch erscheint, ist tatsächlich das Ergebnis jahrelanger, systematischer Staatsplanung. Und es wirft eine unbequeme Frage auf: Warum verfügt Europa über keine vergleichbare Ambition, wenn es um die eigene technologische Unabhängigkeit geht?
Der Preis der Abhängigkeit wird sichtbar
Die EUV-Technologie steht im Zentrum eines technologischen Kalten Krieges. Diese Maschinen nutzen extrem ultraviolettes Licht, um Schaltkreise zu ätzen, die tausendfach dünner sind als ein menschliches Haar. Eine einzige Anlage kostet rund 250 Millionen Dollar und ist unverzichtbar für die Produktion moderner Halbleiter, wie sie in Smartphones, Autos oder KI-Systemen stecken. ASML benötigte fast zwei Jahrzehnte und Milliardeninvestitionen, bis die Technologie marktreif war. Die USA übten ab 2018 massiven Druck auf die Niederlande aus, den Export dieser Maschinen nach China zu stoppen. Seit 2022 gelten verschärfte Exportkontrollen.
China hat darauf nicht mit Resignation reagiert, sondern mit einem koordinierten Staatsprojekt von beispielloser Größenordnung. Der Technologiekonzern Huawei koordiniert ein landesweites Netzwerk aus Unternehmen und staatlichen Forschungseinrichtungen. Tausende Ingenieure arbeiten am Projekt. Die Strategie ist klar: vollständige Verdrängung der USA aus den chinesischen Lieferketten. Rund 100 Hochschulabsolventen arbeiten unter strenger Überwachung daran, Komponenten nachzubauen. Erfolgreiche Mitarbeiter erhalten Prämien. Die Teams sind strikt voneinander abgeschottet, um Informationsabflüsse zu verhindern.
Westliche Ingenieure als Wegbereiter
Für den technologischen Durchbruch wirbt China gezielt westliche Fachkräfte ab. Lin Nan, ehemaliger Leiter der Lichtquellentechnologie bei ASML, meldete mit seinem Team innerhalb von 18 Monaten acht Patente zu EUV-Lichtquellen an. China bietet hohe Prämien, Wohnungszuschüsse und chinesische Pässe an, obwohl die Doppelstaatsbürgerschaft offiziell verboten ist. Einige Ingenieure arbeiten unter falschen Namen und gefälschten Ausweisen.
Wie schwierig die grenzüberschreitende Durchsetzung geistigen Eigentums ist, zeigt ein Fall aus 2019. ASML erwirkte ein Urteil über 845 Millionen Dollar gegen einen ehemaligen chinesischen Ingenieur wegen Diebstahls von Geschäftsgeheimnissen. Der Beklagte meldete Konkurs an und ist Gerichtsakten zufolge mit Unterstützung der chinesischen Regierung weiterhin in Peking tätig. Die niederländischen Geheimdienste warnten im Frühjahr vor intensiven Spionage- und Abwerbeversuchen Chinas im Hightech-Sektor.
China konnte den Prototyp auch mithilfe von Bauteilen aus älteren ASML-Maschinen aufbauen, die über Zweitmärkte beschafft und zerlegt wurden. Noch im April hatte ASML-Chef Christophe Fouquet erklärt, China werde „viele, viele Jahre” brauchen, um aufzuschließen. Die Existenz des Prototyps zeigt jedoch, dass China schneller vorankommt als erwartet. Projektbeteiligte halten 2030 für einen realistischen Zeitpunkt der Marktreife, Jahre früher als von Analysten erwartet.

Europas Dilemma zwischen Moral und Pragmatismus
Die chinesische Vorgehensweise wirft ethische Fragen auf. Systematische Abwerbung, Industriespionage und die Missachtung geistigen Eigentums stehen im klaren Widerspruch zu westlichen Rechtsvorstellungen. Gleichzeitig offenbart der Fall eine strategische Schwäche Europas: Während China mit staatlicher Entschlossenheit kritische Abhängigkeiten überwindet, verharrt Europa in defensiver Haltung. Die Niederlande besitzen mit ASML einen technologischen Weltmarktführer, doch die Kontrolle über diese Schlüsseltechnologie wird nicht als europäisches Souveränitätsthema begriffen.
Europa diskutiert seit Jahren über digitale Souveränität, Cloud-Infrastrukturen und Chip-Produktion. Der European Chips Act sieht Investitionen von 43 Milliarden Euro vor, um die europäische Halbleiterproduktion bis 2030 zu verdoppeln. Doch diese Initiativen konzentrieren sich primär auf Produktionskapazitäten, nicht auf die fundamentale Technologiebeherrschung. Europa baut Fabriken, aber keine eigene EUV-Technologie. Die Abhängigkeit von ASML bleibt bestehen, und ASML selbst ist abhängig von hochspezialisierten Zulieferern wie Zeiss für optische Systeme.
Die Frage nach der politischen Bereitschaft
China investiert nicht nur Geld, sondern politisches Kapital und strategischen Willen. Das Halbleiter-Selbstversorgungsprojekt ist ein Kernziel von Staats- und Parteichef Xi Jinping und läuft seit rund sechs Jahren. Die Mitarbeiter schlafen häufig vor Ort und dürfen während der Arbeitswoche nicht nach Hause zurückkehren. Diese Intensität spiegelt nicht nur technischen Ehrgeiz wider, sondern eine geopolitische Überzeugung: Wer die kritischen Technologien nicht beherrscht, verliert seine strategische Autonomie.
Europa fehlt diese Entschlossenheit. Die Gründe sind vielfältig: fragmentierte nationale Interessen, regulatorische Komplexität, die Abhängigkeit von transatlantischen Sicherheitsgarantien und ein Wirtschaftsmodell, das auf globaler Arbeitsteilung basiert. Während China bereit ist, kurzfristige Effizienz für langfristige Souveränität zu opfern, optimiert Europa weiterhin für Kosteneffizienz und Marktzugang.
Die Diskrepanz zeigt sich in der Reaktionsgeschwindigkeit. China begann sein EUV-Projekt unmittelbar nach den ersten Exportbeschränkungen. Europa diskutiert seit Jahren über eine gemeinsame Industriepolitik, ohne vergleichbare Durchbrüche zu erzielen. Selbst der European Chips Act ist eine Reaktion auf amerikanische und asiatische Initiativen, keine proaktive Strategie.

Technologische Souveränität als Generationenprojekt
Die Frage ist nicht, ob Chinas Ansatz ethisch vertretbar ist. Die Frage ist, ob Europa bereit ist, die politischen und wirtschaftlichen Kosten zu tragen, die echte technologische Souveränität erfordert. ASML ist ein europäisches Unternehmen, doch seine Technologie wurde über Jahrzehnte in einem komplexen Ökosystem aus Forschung, Entwicklung und industrieller Zusammenarbeit geschaffen. Europa verfügt über die wissenschaftliche Exzellenz und das industrielle Know-how, um kritische Technologien zu beherrschen. Was fehlt, ist die strategische Koordination und der politische Wille, diese Fähigkeiten als Souveränitätsprojekt zu begreifen.
China zeigt, dass technologische Autonomie kein Naturgesetz ist, sondern eine Frage politischer Priorität. Das Land investiert nicht nur in Hardware, sondern in ein komplettes Ökosystem aus Forschung, Produktion und Talentakquise. Europa könnte ähnliche Strukturen schaffen, müsste dafür aber nationale Egoismen überwinden und industriepolitische Instrumente akzeptieren, die dem liberalen Wirtschaftsmodell widersprechen.
Die Alternative ist eine fortgesetzte Abhängigkeit. Europa wird weiterhin hochwertige Produkte herstellen, aber die Kontrolle über Schlüsseltechnologien liegt woanders. In Krisensituationen, sei es durch geopolitische Spannungen oder Lieferkettenunterbrechungen, wird diese Abhängigkeit zum strategischen Risiko. Der chinesische EUV-Prototyp ist nicht nur ein technologischer Erfolg, sondern ein Signal: Wer strategische Souveränität will, muss bereit sein, den Preis zu zahlen.
Die Zukunft wird anderswo entschieden
Bis 2028 will China funktionsfähige Chips aus eigener EUV-Produktion herstellen. Selbst wenn dieses Ziel nicht vollständig erreicht wird, verändert bereits die Existenz des Prototyps die geopolitische Landschaft. Europa steht vor der Entscheidung, ob es diese Entwicklung als Warnung begreift oder als irrelevant abtut. Die technologische Überlegenheit des Westens war nie garantiert, sie war das Ergebnis kontinuierlicher Investitionen in Forschung, Bildung und industrieller Innovation.
China hat verstanden, dass diese Überlegenheit erkämpft werden muss. Europa diskutiert noch, ob es überhaupt kämpfen will. In Shenzhen wird bereits gearbeitet.


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