Die KI-Auswahl als Strategiefrage: Warum Unternehmen scheitern, bevor sie beginnen
- Basar Seven
- 15. Dez. 2025
- 6 Min. Lesezeit
Die Frage nach der "besten" künstlichen Intelligenz führt in die falsche Richtung. Unternehmen, die heute KI einführen wollen, stolpern über eine Grundannahme, die sich in der Praxis als Irrtum erweist: Sie suchen nach dem einen perfekten Werkzeug, statt einen systematischen Ansatz zu verfolgen. Was sich in Dutzenden Workshops und Implementierungsprojekten zeigt, ist ein Muster, das sich wiederholt.
Der Mythos vom universellen Problemlöser
Wenn Führungskräfte nach Empfehlungen für KI-Systeme fragen, nennen sie meist dieselben Namen. ChatGPT, weil es medial präsent ist. Google Gemini, weil man Google kennt. Claude, weil Kollegen davon gesprochen haben. Diese Antworten offenbaren ein Missverständnis über die Natur von KI-Einführung in Organisationen.
Die großen Sprachmodelle liefern heute tatsächlich vergleichbare Qualität. ChatGPT, Claude, Gemini, Perplexity und Grok führen ein Kopf-an-Kopf-Rennen, bei dem die Unterschiede für die meisten Anwendungsfälle marginal sind. Alle bieten mittlerweile Modi mit längerer Rechenzeit, die unterschiedlich benannt werden. "Thinking" bei Claude, "Deep Research" bei ChatGPT. Die Funktionsweise ist ähnlich, das Ergebnis vergleichbar.
Was in der Beratungspraxis auffällt: Unternehmen investieren unverhältnismäßig viel Zeit in die Tool-Auswahl und vernachlässigen die entscheidende Frage. Nicht welches Werkzeug, sondern welcher Prozess führt zum Ziel.
Spezialisierung schlägt Generalisierung
Die Entwicklung der vergangenen Monate zeigt eine klare Tendenz zur Spezialisierung. Google hat mit Nano Banana Pro Bildbearbeitungsfunktionen vorgestellt, die in ihrer Qualität beeindrucken. Man kann Gesichtsausdrücke auf Fotos verändern, Bilder kombinieren, Personen in neue Kontexte setzen. Die Plattform X liefert mit Supergrok ähnliche Qualität. Beide Systeme erstellen aus einem einzelnen Foto realistische Videos, deren Inhalt sich über Textbefehle steuern lässt.
Diese Spezialisierung findet sich in allen Bereichen. Für Dokumentenanalyse bietet Google Notebook LM Funktionen, die über die Möglichkeiten allgemeiner Chatbots hinausgehen. Das System kann ganze Bücher analysieren, automatisch Zusammenfassungen generieren, Mindmaps erstellen oder Audiozusammenfassungen produzieren. Für lange Dokumente und strukturierte Quellenarbeit ist es anderen Lösungen überlegen.
Wer Websites erstellen will, findet in Lovable, Onepage.io oder Webflow spezialisierte Plattformen, die mit wenigen Anweisungen funktionsfähige Seiten generieren. Die automatische Transkription von Audioaufnahmen beherrschen zwar mehrere Sprachmodelle, doch lokale Lösungen wie Whisper Transcription oder Aiko bieten Zusatzfunktionen und arbeiten datenschutzkonform auf dem eigenen Rechner.

Die Orchestrierungsfrage
In der praktischen Arbeit mit Unternehmen zeigt sich ein wiederkehrendes Muster. Die KI-Einführung scheitert nicht an der Technologie, sondern an der fehlenden Integration. Ein Beispiel aus einem mittelständischen Produktionsunternehmen verdeutlicht das Problem. Das Unternehmen hatte ChatGPT Plus für alle Mitarbeiter lizenziert. Die Nutzung blieb gering. Auf Nachfrage stellte sich heraus, dass niemand wusste, für welche konkreten Aufgaben das System geeignet war.
Die Frage nach der richtigen KI ist also eine Frage der Orchestrierung. Welche Werkzeuge benötigt man für welche Prozesse? Wie fügen sich spezialisierte Tools zu einem funktionierenden System zusammen? Und wie verhindert man, dass Mitarbeiter in einem Dschungel von Anwendungen die Orientierung verlieren?
Cloud-Integration als Schlüsselfaktor
Alle großen KI-Modelle haben in den vergangenen Monaten ihre Schnittstellen zu Cloud-Diensten ausgebaut. Dropbox, Google Drive, Microsoft OneDrive lassen sich heute direkt einbinden. Die KI-Systeme entwickeln sich von reinen Chatbots zu Agenten, die als persönliche Helfer E-Mail-Postfächer verwalten, Flüge buchen oder bei Amazon einkaufen können.
Diese Entwicklung ist technisch beeindruckend, in der Praxis jedoch problematisch. Der weitreichende Zugriff auf Nutzerdaten birgt Sicherheitsrisiken. Unternehmen müssen klären, welche Daten sie KI-Systemen zugänglich machen wollen und welche Prozesse besser manuell bleiben. Die Euphorie über neue Funktionen darf nicht den Blick für Risiken verstellen.
Perplexity und OpenAI stellen eigene Browser vor, in denen die KI während des Surfens permanent verfügbar ist und Onlineinhalte zusammenfassen kann. Die Frage ist nicht, ob diese Technologie funktioniert. Sie funktioniert. Die Frage ist, ob Organisationen bereit sind für die Konsequenzen einer solchen Integration.
Der Abonnement-Dschungel
Wer Microsoft 365 mit Office-Programmen abonniert hat, bekommt den Copilot mit dazu. Der lässt sich direkt in den Anwendungen nutzen, kann E-Mails zusammenfassen oder Dokumente analysieren. Für gehobene Ansprüche reicht die Microsoft-KI jedoch nicht aus. Das gilt auch für die kostenlose Version von ChatGPT, die nur eingeschränkten Zugriff auf die neuesten Modelle bietet.
Die Frage nach der besten KI führt deshalb zwangsläufig zur Kostenfrage. Google Gemini oder ChatGPT im vollständigen Funktionsumfang erfordern kostenpflichtige Abonnements. Bei mehreren Mitarbeitern summieren sich die Kosten schnell. Gleichzeitig benötigen Unternehmen für spezialisierte Aufgaben zusätzliche Tools.
Diese Fragmentierung ist ein Problem, das in der Beratungspraxis immer wieder auftaucht. Mitarbeiter nutzen verschiedene Systeme parallel, Informationen liegen in unterschiedlichen Plattformen, die Integration fehlt. Die technischen Möglichkeiten übersteigen die organisatorische Fähigkeit, sie sinnvoll zu nutzen.
Spezialisierte Lösungen für definierte Aufgaben
Für bestimmte Aufgabenbereiche existieren hochspezialisierte Lösungen, die Generalisten überlegen sind. Die Gestaltung von Präsentationen war früher eine zeitaufwendige Tätigkeit. ChatGPT, Claude Sonnet oder Microsoft Copilot erstellen heute mit wenigen Anweisungen automatisch Folien, inklusive Design. Copilot sucht sogar passende Fotos aus dem Internet. Dutzende weitere Spezialisten wie Gamma, Prezi oder Magic Design von Canva widmen sich anspruchsvoller Foliengestaltung.
Das Übersetzen von Texten beherrschen die Sprachmodelle mit hoher Qualität. Dabei lässt sich auch ein Tonfall der Zielsprache vorgeben. Für besonders hochwertige Übersetzungen bleibt der deutsche Dienst DeepL die Referenz.
Für Video-Arbeit bietet Descript die Möglichkeit, Videos wie Textdokumente zu bearbeiten. Die Software erstellt ein Transkript, optimiert den Sound, entfernt Hintergrundgeräusche, generiert automatisch Untertitel und korrigiert den Blickkontakt zur Kamera. Topaz Video wertet alte oder schlechte Aufnahmen auf, wobei die KI Details "intelligent" hinzufügt. Auphonic aus Österreich kümmert sich um die akustische Aufbereitung von Videos und Podcasts.
Die Implementierungslücke
Die größte Herausforderung bei der KI-Einführung liegt nicht in der Technologie. Die Tools existieren, sie funktionieren, sie werden ständig besser. Die Herausforderung liegt in der systematischen Integration in bestehende Prozesse.
Ein produzierendes Unternehmen hatte beispielsweise mehrere KI-Tools für verschiedene Abteilungen eingeführt. Marketing nutzte Canva für Grafikdesign, Vertrieb arbeitete mit ChatGPT für E-Mail-Entwürfe, die Entwicklung verwendete GitHub Copilot für Code-Generierung. Jede Abteilung war mit ihrer Lösung zufrieden. Das Problem zeigte sich beim Versuch, abteilungsübergreifend zu arbeiten. Die Systeme kommunizierten nicht miteinander, Informationen mussten manuell übertragen werden, die versprochenen Effizienzgewinne blieben aus.
Diese Implementierungslücke ist kein technisches, sondern ein organisatorisches Problem. Unternehmen benötigen keine besseren Tools, sondern bessere Prozesse für die Tool-Nutzung.
Datenschutz als Entscheidungsfaktor
Die automatische Verschriftlichung von Audioaufnahmen ist ein gutes Beispiel für den Konflikt zwischen Funktionalität und Datenschutz. ChatGPT-5 und andere Cloud-Lösungen bieten diese Funktion mit hoher Qualität. Man kann angeben, ob eine wörtliche Transkription oder eine geglättete Version erwünscht ist. Die KI erstellt auf Wunsch Zusammenfassungen, unterscheidet zwischen verschiedenen Sprechern, fertigt Übersetzungen an.
Wer jedoch Interviews oder Unterhaltungen aus Gründen des Datenschutzes nicht in eine Cloud-KI hochladen will, benötigt lokale Lösungen. Für den Mac gibt es Whisper Transcription oder Aiko. Beide Apps arbeiten ausschließlich auf dem eigenen Rechner und bieten zahlreiche Zusatzfunktionen, die Onlinedienste in der Regel nicht anbieten.
Diese Überlegung gilt für alle Bereiche der KI-Einführung. Funktionalität steht im Spannungsverhältnis zu Datensicherheit. Unternehmen müssen entscheiden, welche Daten sie Cloud-Diensten anvertrauen wollen und für welche Anwendungen lokale Lösungen vorzuziehen sind.
Die Agenten-Zukunft
Die Entwicklung geht in Richtung Agenten-KI. Systeme, die nicht nur auf Anfragen antworten, sondern eigenständig Aufgaben ausführen. E-Mails verwalten, Termine koordinieren, Bestellungen aufgeben. Diese Vision ist technisch bereits realisierbar, in der Praxis jedoch noch "hakelig", wie Tests zeigen.
Der weitreichende Zugriff auf Nutzerdaten ist ein Sicherheitsrisiko, das viele Unternehmen unterschätzen. Eine KI, die Zugriff auf E-Mail-Postfächer und Kalendersysteme hat, kann enormen Schaden anrichten, wenn sie fehlerhaft agiert oder kompromittiert wird.
Die Frage ist nicht, ob diese Technologie kommt. Sie ist bereits da. Die Frage ist, wie Unternehmen verantwortungsvoll damit umgehen. Welche Aufgaben delegiert man an Agenten-KI? Welche Kontrollen bleiben beim Menschen? Wo zieht man die Grenze zwischen Effizienzgewinn und Kontrollverlust?
Drei Prinzipien für erfolgreiche KI-Einführung
Aus der praktischen Arbeit mit Unternehmen lassen sich drei Prinzipien ableiten, die über Erfolg oder Misserfolg bei der KI-Einführung entscheiden.
* Erstens: Prozess vor Tool. Die Frage nach der richtigen KI stellt sich erst, wenn der Prozess definiert ist. Welches Problem soll gelöst werden? Welcher Arbeitsschritt soll verbessert werden? Erst wenn diese Fragen beantwortet sind, kann man sinnvoll über Werkzeuge diskutieren.
* Zweitens: Integration vor Funktionalität. Ein Tool, das viele Funktionen bietet, aber sich nicht in bestehende Systeme integrieren lässt, ist weniger wertvoll als ein einfacheres Tool mit guter Integration. Die meisten KI-Projekte scheitern an fehlender Integration, nicht an fehlender Funktionalität.
* Drittens: Sicherheit vor Geschwindigkeit. Der Druck, schnell KI einzuführen, ist groß. Die Versuchung, Sicherheitsbedenken zu ignorieren, ist größer. Erfolgreiche Implementierungen zeichnen sich dadurch aus, dass sie Datenschutz und Datensicherheit von Anfang an mitdenken, nicht nachträglich.

Der Blick nach vorn
Die KI-Landschaft verändert sich wöchentlich. Neue Funktionen, neue Anbieter, neue Möglichkeiten. Unternehmen können diesem Tempo nicht folgen, wenn sie jeden Trend einzeln bewerten. Sie benötigen einen strategischen Rahmen, der unabhängig von einzelnen Tools funktioniert.
Dieser Rahmen besteht aus klaren Prozessen, definierten Verantwortlichkeiten und dokumentierten Entscheidungskriterien. Welche Art von Aufgaben eignet sich für welche Art von KI-Unterstützung? Welche Daten dürfen in welche Systeme? Wer trägt die Verantwortung für KI-generierte Inhalte?
Die Frage nach der besten künstlichen Intelligenz führt in die Irre, weil sie suggeriert, es gäbe eine einfache Antwort. Die Realität ist komplexer. Erfolgreiche KI-Einführung erfordert systematisches Vorgehen, klare Prozesse und die Bereitschaft, organisatorische Veränderungen durchzuführen.
Die Werkzeuge sind vorhanden. Die Technologie funktioniert. Was fehlt, ist in vielen Unternehmen die Fähigkeit, diese Werkzeuge sinnvoll einzusetzen. Das ist keine Frage der KI-Kompetenz, sondern eine Frage der Organisationsentwicklung. Und genau hier liegt die eigentliche Herausforderung der kommenden Jahre.


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