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Mit Höchstgeschwindigkeit in die falsche Richtung

Warum künstliche Intelligenz zur Industrialisierung von wertlosem Content führt


Künstliche Intelligenz ist ein hervorragender Weg geworden, um mit noch nie dagewesener Geschwindigkeit in die komplett falsche Richtung zu galoppieren. Was als technologischer Durchbruch für Produktivität und Wissensarbeit begann, hat sich in weiten Teilen zu einer Infrastruktur für die massenhafte Erzeugung von Informationsschrott entwickelt. Das Rauschen ist ohrenbetäubend geworden, und die wenigen Signale darunter versinken im Lärm.


Das große Rauschen


Wer heute LinkedIn öffnet, YouTube durchscrollt oder durch Fachforen navigiert, trifft auf ein gleichförmiges Muster: „Ich habe 1.000 Beiträge in einer Minute produziert.” „Ich habe 15.000 Kunden in einer Minute angeschrieben.” „KI hat mir 500.000 Dollar in diesem Jahr eingebracht.” „Ich habe alle Mitarbeiter durch KI ersetzt.” Diese Behauptungen formen ein extrem lautes Rauschen aus unwahren Informationen, in dem Qualität und Glaubwürdigkeit nur noch belächelt werden. Es ist eine Echokammer der Übertreibung entstanden, in der sich Akteure gegenseitig mit immer absurderen Zahlen überbieten, während die Substanz hinter diesen Behauptungen gegen Null konvergiert.


Das ökonomische Paradox der Grenzkosten


Die wissenschaftliche Fundierung für diese Entwertung ist dabei keineswegs neu. Eine der wichtigsten ökonomischen Thesen besagt, dass der Wert einer Aktion sinkt, wenn die Grenzkosten für deren Ausführung gegen Null fallen. Dieses Prinzip lässt sich auf die aktuelle Situation der KI-generierten Inhalte präzise anwenden. Wenn ein Anwender mit Token-Kosten von einem Euro 1.500 Slides erstellen kann, wenn dieselben marginalen Kosten ausreichen, um 1.500 Bilder und Beiträge zu produzieren, dann haben diese Ergebnisse für den Leser, für den Kunden, für den Empfänger schlicht keinen Wert mehr. Die Rechnung ist einfach: Was nichts kostet, ist nichts wert. Nicht, weil das Werkzeug schlecht wäre, sondern weil der menschliche Aufwand, der einem Ergebnis seinen Wert verleiht, vollständig eliminiert wurde.


Die Industrialisierung von Fast-Food-Wissen


Was mit diesen Methoden entsteht, ist eine Industrialisierung von Fast Food. Fast-Food-Beiträge. Fast-Food-Wissen. Fast-Food-Expertise. Die künstliche Intelligenz ermöglicht die Massenproduktion von Texten, die aussehen wie Fachwissen, aber keines sind. Besonders perfide ist dabei die Erosion der Glaubwürdigkeit: Nicht nur die Qualität der Informationen selbst steht infrage, sondern auch die Frage, ob der Verfasser diese Beiträge überhaupt versteht, ob er sie anwenden kann und ob er damit tatsächlich Geld verdient.


Das bedeutet konkret: Ein Verfasser erzielt Aufmerksamkeit durch das Erstellen von Informationen, die er selbst nicht durchdrungen hat. Er produziert Sichtbarkeit ohne Substanz. Und genau das ist Rauschen. Genau das ist die Müllhalde von Informationen, die teilweise sogar faktisch falsch sind, weil niemand sie vor der Veröffentlichung überprüft hat. Die Maschine produziert, der Mensch klickt auf Veröffentlichen, und das Ergebnis verschmutzt den Informationsraum für alle Beteiligten.


Das Schauspiel der falschen Autoritäten


Ein besonders groteskes Phänomen dieser Entwicklung zeigt sich in der Aneignung von Fachterminologie durch Personen ohne jegliche fachliche Grundlage. Vom Alter, vom Aussehen und vom Verhalten noch kleine Kinder erstellen mithilfe von KI Texte, in denen Begriffe wie „Strategie”, „strategische Implementierung” oder „transformationale Organisationsentwicklung” vorkommen. Es handelt sich um exorbitant schwerwiegende Begriffe, für die Generationen von Studierenden an Universitäten ein ganzes Semester strategisches Management studiert haben. Man las Bücher von Welge und Al-Laham, man näherte sich diesen Konzepten mit Demut, man lernte über Jahre, was diese Begriffe in der Praxis bedeuten.


Nun stelle man sich diese kleinen Knaben mit ihren Schiebermützen an ihrem Küchenwohnzimmertisch vor, wie sie einem echten Vorstand eines Traditionsunternehmens gegenübersitzen. Ein Vorstand, der seit Jahrzehnten strategische Entscheidungen verantwortet, der Konjunkturzyklen überlebt und Transformationen durchgesteuert hat. Diesem Vorstand erklären nun Personen ohne jede praktische Erfahrung die Welt, gestützt auf Texte, die eine Maschine für sie verfasst hat. Es ist ein Theaterspiel, das in seiner Absurdität kaum zu überbieten ist, und es wird täglich auf LinkedIn in Echtzeit aufgeführt.


Die Hochgeschwindigkeits-Schrottmaschine


Diese Art des Arbeitens mit künstlicher Intelligenz schafft eine Hochgeschwindigkeits-Schrottmaschine für explizit textförmig abgespeicherte Zeichenketten. Der Begriff „Text” ist hier bewusst gewählt und nicht „Wissen”, denn was auf diese Weise entsteht, kann kein Wissen mehr sein. Wissen setzt Verständnis voraus, Verständnis setzt Auseinandersetzung voraus, und Auseinandersetzung setzt Zeit voraus. Wo die Produktionszeit gegen Null konvergiert, konvergiert auch das Verständnis gegen Null.


Diese Entwertung wirkt mittlerweile bis in die persönliche Leseerfahrung hinein. Es macht keinen Spaß mehr, gute Texte zu lesen, weil im Hintergrund permanent die Information mitschwingt, dass dieser Mensch diese Thesen nicht überprüft hat. Man liest einen Absatz, der fachlich korrekt klingt, und fragt sich unwillkürlich: Hat der Autor diesen Gedanken selbst zu Ende gedacht? Hat er die Quelle gelesen, die er zitiert? Oder hat er einen Prompt abgefeuert und das Ergebnis ungeprüft veröffentlicht? Dieses Grundmisstrauen vergiftet den gesamten Informationsraum, und es trifft auch jene Autoren, die tatsächlich Substanz liefern.


Geschwindigkeit war nie ein Beweis für Richtigkeit


Der zentrale Denkfehler hinter der aktuellen KI-Euphorie lässt sich in einem Satz zusammenfassen: Geschwindigkeit war in der Wissenschaft und im Unternehmertum noch nie eine Verifizierung dafür, dass etwas richtig ist. Man kann mit KI schneller publizieren, schneller produzieren, schneller skalieren. Aber schneller bedeutet nicht besser, und schon gar nicht bedeutet es richtig. Man kann mit künstlicher Intelligenz in nie dagewesener Geschwindigkeit in die komplett falsche Richtung galoppieren, und genau das geschieht gerade flächendeckend.


Die Geschäftsmodelle, die auf dieser Geschwindigkeit aufbauen, die Coaches und Berater, die 10.000 LinkedIn-Beiträge pro Monat als Erfolgskennzahl verkaufen, die Agenturen, die mit KI-generiertem Content Unternehmen fluten, sie alle verwechseln Output mit Outcome. Sie verwechseln Quantität mit Qualität. Und sie verwechseln Sichtbarkeit mit Substanz.


Die eigentliche Aufgabe: Assistenz statt Ersetzung


Was folgt daraus? Die Nutzung der künstlichen Intelligenz erfordert eine deutlich strengere Selbstüberprüfung. Es geht nicht darum, Masse zu erzeugen, sondern das, was man bereits kann, mit der KI noch besser zu erzeugen. Natürlich existiert ein Geschwindigkeitsvorteil: Statt 2.000 Zeichen selbst zu tippen, lässt man sie formulieren. Aber genau hier liegt der entscheidende Unterschied. Es geht nicht darum, die KI für sich schreiben zu lassen und das Ergebnis abzunicken. Es geht darum, die KI in die eigene Denkrichtung zu lenken, ihr den eigenen Wunsch konkret mitzugeben, sie als Werkzeug zu führen statt von ihr geführt zu werden.


Der Unterschied zwischen diesen beiden Ansätzen ist fundamental. Im ersten Fall ist der Mensch der Konsument eines maschinellen Outputs. Im zweiten Fall bleibt der Mensch der Autor, und die Maschine assistiert. Wer die KI assistieren lässt, statt sie für sich schreiben zu lassen, der nutzt das Werkzeug so, wie es genutzt werden sollte: als Verstärker der eigenen Kompetenz, nicht als Ersatz für fehlendes Wissen. Und wer diesen Unterschied versteht, der produziert am Ende Ergebnisse, denen man die Herkunft nicht ansieht, weil ein denkender Mensch sie verantwortet.


Die Frage, die sich jeder stellen muss, der heute mit KI arbeitet, lautet nicht: Wie schnell kann ich produzieren? Sie lautet: Würde ich das, was die Maschine gerade ausgegeben hat, mit meinem Namen verantworten, wenn ein Fachmann es liest?


Wer diese Frage ehrlich beantwortet, wird feststellen, dass Geschwindigkeit plötzlich keine Rolle mehr spielt.

 
 
 

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