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Claude Cowork: Anthropics KI-Assistent für Business-Nutzer im Praxistest

Von der Demo zur Einschätzung — was das Tool heute kann und wo es noch hakt

Die meisten KI-Tools scheitern nicht am fehlenden Intellekt, sondern an der falschen Zielgruppe. Claude Code, Anthropics agentenbasiertes Werkzeug für Entwickler, hat das Arbeiten mit großen Sprachmodellen auf ein neues Level gehoben — aber es setzt ein Terminal voraus, das Verständnis von Befehlszeilen und eine Toleranz gegenüber technischen Fehlermeldungen, die nicht jeder mitbringt. Mit Claude Cowork versucht Anthropic seit dem 12. Januar 2026, diese Lücke zu schließen. Das Ergebnis ist ein Werkzeug, das einige Versprechen hält und andere noch schuldig bleibt.

Was Claude Cowork ist — und für wen es gedacht ist

Claude Cowork ist eine Desktop-Applikation für macOS, die agentenbasierte KI-Arbeit ohne Terminalzugang ermöglicht. Anthropic positioniert das Tool als "Claude Code für den Rest der Arbeitswelt" — also als browserbasierte Oberfläche, die dieselbe Logik hinter Claude Code zugänglich macht, ohne dass Nutzerinnen und Nutzer eine einzige Zeile Code kennen müssen. Die Oberfläche erinnert bewusst an die Claude-Web-App: vertrautes Layout, Prompt-Eingabe in der Mitte, Fortschritts-Tracking rechts oben, Artefakte daneben.

Der entscheidende Unterschied liegt darunter. Claude Cowork erlaubt es, einen Ordner auf dem eigenen Computer zu verknüpfen. Das Modell kann dann Dateien in diesem Ordner lesen, erstellen, bearbeiten und reorganisieren — autonom, im Hintergrund, während die Nutzerin weiterarbeitet. Für den Zugang ist ein Claude-Max-Plan erforderlich, der zwischen 100 und 200 US-Dollar pro Monat kostet. Das schränkt den Nutzerkreis zunächst auf zahlungsbereite Frühnutzerinnen ein.

Das Demonstrationsbeispiel: 321 Podcast-Transkripte, ein interaktives Dashboard

AI-Forscherin Allie K. Miller, die das Produkt auf YouTube vorstellte, demonstrierte Claude Cowork anhand eines konkreten Anwendungsfalls: Sie wies das Tool an, alle 321 Transkripte des Podcasts von Lenny Rachitsky zu lesen, die Gäste nach Berufsgruppen zu kategorisieren und ein interaktives Dashboard zu erstellen. Das Dashboard sollte CEO-Gäste von Product Managern unterscheiden, zwischen "KI-begeisterten" und "vorsichtigen" Sprecherinnen differenzieren und pro Gruppe aussagekräftige Zitate bereitstellen.

Claude Cowork erledigte den Großteil dieser Aufgabe autonom. Es erstellte selbstständig eine interne To-do-Liste, arbeitete die Schritte sequenziell ab und lieferte nach einigen Minuten ein in JSX geschriebenes interaktives Dashboard als Artefakt. Die Filterfunktionen — nach Berufsgruppe, nach Sprechstil — funktionierten grundlegend. Ein Detail trübte das Ergebnis: Obwohl 321 Transkripte vorlagen, analysierte das Tool nur etwa 40 davon, weil die Ausführung nach einem tageslangen Hackathon durch ein Nutzungslimit unterbrochen worden war und beim Neustart nicht von vorne begann, sondern bei Transkript 281 einstieg.

Das ist kein konzeptueller Fehler, sondern ein Stabilitätsproblem des frühen Release-Standes. Miller wies darauf hin, dass Anthropic das gesamte Tool in eineinhalb Wochen mit Claude Code selbst gebaut hat — eine Entwicklungsgeschwindigkeit, die erklärt, warum Ecken und Kanten sichtbar bleiben.

Task-Queuing und Multithreading: die echten Stärken

Was Claude Cowork von der Claude-Web-App strukturell unterscheidet, sind zwei Funktionen: parallele Chat-Threads und das Einreihen von Aufgaben in eine Warteschlange. Nutzerinnen können mehrere Konversations-Threads gleichzeitig laufen lassen. Während ein Thread eine Podcast-Analyse durchführt, bearbeitet ein anderer eine Buchungsanfrage für ein Podcast-Studio. Beide Prozesse laufen parallel, ohne dass der Nutzer aktiv eingreifen muss.

Das Queuing-System erlaubt es, bis zu zwölf aufeinanderfolgende Aufgaben in einen Thread einzureihen und den Computer für Stunden unbeaufsichtigt zu lassen. Wer im Alltag häufig mit wiederkehrenden Rechercheaufgaben, Dateiorganisationen oder Zusammenfassungen arbeitet, gewinnt damit einen strukturellen Vorteil. Miller betonte in der Demo, dass die Fähigkeit, auf mehrere Dinge gleichzeitig hinzuarbeiten, eine der wichtigsten Stärken überhaupt sei — und dass das Management der eigenen Aufmerksamkeit, nicht die Rechenzeit der KI, heute der eigentliche Engpass ist.

Die Schwächen des aktuellen Stands

Zwei strukturelle Einschränkungen fallen auf. Erstens erlaubt Claude Cowork aktuell nur den Zugriff auf einen einzigen Ordner gleichzeitig. Wer Daten aus mehreren Projekten oder Kundenmappen vergleichen will, stößt sofort an eine harte Grenze. Zweitens fehlt die Plugin-Unterstützung, die in Claude Code bereits existiert. Miller versuchte während der Demo, das Frontend-Design-Plugin zu aktivieren, um das Dashboard optisch aufzuwerten — das Plugin wurde nicht erkannt. Das Dashboard erhielt stattdessen eine generische Farbüberarbeitung mit übermäßig vielen Emojis, was nicht dem entspricht, was das Plugin in Claude Code leisten würde.

Miller fasste ihre Einschätzung pragmatisch zusammen: Für Nutzerinnen ohne Erfahrung mit Claude Code dürfte Claude Cowork ein zugänglicher Einstieg in agentenbasierte KI-Arbeit sein. Für geübte Claude-Code-Nutzerinnen wirkt das Tool zunächst einschränkend, weil es Fähigkeiten wegkapselt, die in der vollständigen Version bereits vorhanden sind. Beide Einschätzungen sind berechtigt — sie beschreiben schlicht unterschiedliche Ausgangspunkte.

Für wen Claude Cowork heute sinnvoll ist

Claude Cowork adressiert eine reale Zielgruppe: Business-Nutzerinnen, die keine Entwicklungserfahrung haben, die aber repetitive Aufgaben wie Dateiorganisation, Recherche, Zusammenfassungen oder die Erstellung einfacher interaktiver Reports automatisieren wollen. Die Anknüpfung an Claude in Chrome ermöglicht es zusätzlich, browserbasierte Aufgaben wie das Ausfüllen von Formularen oder das Navigieren zu Buchungsseiten an das Modell zu delegieren.

Was das Tool heute noch nicht ist: ein vollwertiger Ersatz für Claude Code. Die Plugin-Lücke, die Einzelordner-Beschränkung und die Stabilitätsprobleme bei langen Aufgaben zeigen, dass sich das Tool im Research-Preview-Stadium befindet — nicht im produktionsreifen Einsatz. Anthropic hat das transparent kommuniziert. Die Frage ist nicht, ob Claude Cowork diese Lücken schließen wird, sondern wie schnell.

 
 
 

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